Parken: Meist gewinnt der Unverschämte

Veröffentlicht am 25.11.2017 in Kommunalpolitik

Bürgermeister Rupp hat es irgendwann schon mal sinngemäß so formuliert: „Blöd geparkt ist meistens nicht falsch geparkt“. Meine Interpretation: Die Straßenverkehrsordnung schützt das Auto und macht den Einsichtigen zum Dummen. Ich finde das sehr ärgerlich.

Aber von vorne: Das Thema Parken wird schon länger und nicht nur bei uns sehr emotional diskutiert. Es scheint, dass die alten sozialen Kontrollmechanismen im Dorf nicht mehr so funktionieren und die immer größer werdende Zahl der Autos, die auch immer länger und vor allem breiter werden, tut das ihrige dazu. Irgendwo müssen die Karren ja stehen und das ist immer weniger im Hof, sondern auf der Straße. Die sind in Merdingen aber nicht unbedingt überall für eine Autogesellschaft gebaut und in vielen Bereichen recht schmal. Das ist vielen nun aber reichlich egal und geparkt wird recht fröhlich auch an engen Stellen, am besten auf dem Bürgersteig und sehr unabhängig von der Fahrtrichtung.

Der Ärger bei vielen Nachbarn ist vorprogrammiert und dann auch wichtiger Bestandteil der Anruferstatistik im Rathaus.

Genau deshalb haben wir ein Verkehrsgutachten in Auftrag gegeben, das die Situation erfassen soll und Handlungsmöglichkeiten darstellen sollte. Dabei kam so ziemlich exakt nix raus und das einzig verwertbare an dem Gutachten ist die Tatsache, dass wir das nun auch von unabhängiger Seite bestätigt bekommen haben.

Natürlich gibt es ein paar Dinge, die unstrittig sind:

  • Man darf nun mal nicht entgegen der Fahrtrichtung parken. Andererseits: Wenn die Karre verkehrt rum in der Parkbucht steht, dann interessiert mich das eigentlich nicht sonderlich. Ist ja nicht im Weg und so viel Verkehr ist dann auch nicht, dass es wirklich gefährlich werden könnte. Da könnte ich drüber hinweg sehen.
  • Man darf nicht auf dem Gehweg parken. Niemals. Auch nicht, wenn er drei Meter breit ist und auch nicht, wenn da Bäume stehen, die den Gehweg so untergliedern, dass der Bereich zwischen den Bäumen aussieht wie Parkbuchten. Die Gehwegparkerei – ob halb oder ganz – ist ein echtes Problem im Dorf. Mit welcher Unverfrorenheit die Autofahrer die Fußgänger auf die Straße schicken oder nur super enge Durchgänge freilassen, das ist schon eine Frechheit und ich bin sehr dafür, dass wir dagegen vorgehen. Das Problem mit den Pseudoparkbuchten ist mit einem Strich lösbar, wenn wir das wollen. Das kann nicht als Gegenargument herhalten.

Das war es dann aber auch mit den einfachen Fällen. Schon bei den Gehwegen kann es im alten Dorfbereich kompliziert werden. Was ist denn noch ein klar erkennbarer Gehweg und was nur eine optische Gestaltung? Nicht immer klar und letztlich in manchen Bereichen nur gerichtlich klärbar.

Bei der Fahrbahnbreite wird es noch komplizierter. Ab wo wird gemessen? Zählt ein kleiner Streifen auf der Seite, der noch zum Grundstück gehört, aber gepflastert ist nun mit zur Straße oder nicht? Was ist mit dem Efeu an der Hauswand? Es gilt: 3,10 m müssen freibleiben und die Straßenbreiten bei uns sind nun meist irgendwie so, dass die auch tatsächlich frei bleiben. Dann wird es zwar ärgerlich eng, aber geparkt werden darf dann halt doch.

Was nun aber, wenn sich ein zweiter mit seinem Auto so knapp davor oder danach auf der anderen Seite hinstellt, dass es nicht mehr reicht? Na klar, Polizei rufen. Aber wer stand zuerst da? Wer kam als zweiter und hat das Loch zu gemacht? Aussage steht gegen Aussage. Striche mit abgegrenzten Parkbuchten könnten da helfen. Wollen wir das im historischen Kern?

Und bringt das überhaupt was? Natürlich dürfen wir Striche auf die Straße malen, d.h. vielleicht – kommt auf die Straßenverkehrsbehörde an und die ist im Kreis immer auf Seiten des Autos (vgl. Straßenquerung Langgasse). Würde sich jenseits der Engstellen auch in der Langgasse und im Löschgraben anbieten. Das Blöde ist nur, dass die nur als Vorschläge gelten. Da kann man sich dran halten, muss man aber nicht. Na toll. Klarheit schaffen nur Schilder und da hat man dann sehr schnell einen Wald, den auch keiner will.

Schlimmstes Beispiel: Parken gegenüber von Hofausfahrten. Es ist dem Ein- oder Ausfahrenden zumutbar, dass er zwei bis drei Mal rangieren muss. Halleluja! Wir fordern wir immer, dass die Leute ihre Autos im Hof parken sollen und es müssen auch immer ordentlich Parkplätze nachgewiesen werden. Wer es dann auch tut, der wird bestraft. Wer aber rücksichtslos gegenüber parkt und die Ausfahrt eng macht, der kann grinsend zusehen, wie der Rücksichtsvolle kurbeln muss. Da geht mir persönlich das Messer im Sack auf. Hilft aber nix, ist so.

Mit anderen Worten: Ja, wir sollten das Parken überwachen und Knöllchen verteilen. Nachbargemeinden machen das auch und man kann da zusammenarbeiten. Es gibt Möglichkeiten.

Bringen wird es was, was die Gehwege betrifft. Sonst nichts. Die Straßenverkehrsordnung deckt im Zweifel den Unverschämten und bestraft den Rücksichtsvollen.

Was in der gesamten Diskussion aber nicht betrachtet wird, das ist die eigentliche Ursache des Problems: Es gibt schlicht und ergreifend zu viele Autos. Die stehen dann mangels Fahrer im Wesentlichen einfach nur rum. Aussage der Verkehrsplanerin Frau Delamarche: „Die durchschnittliche Fahrzeit eines Autos beträgt pro Tag eine Stunde. Die restlichen 23 Stunden wird es geparkt.“

Ich würde mal tippen, dass wir rund 90% aller Zweitwägen im Dorf locker abschaffen könnten, wenn es endlich eine bessere Busanbindung und ein Carsharing-Angebot gäbe. Kann ja jeder Mal drüber nachdenken: Wie wahrscheinlich ist es denn, dass ein Carsharing-Auto gerade unterwegs ist, wenn man es braucht? Hinweis: Autos stehen dreiundzwanzig Stunden am Tag in der Gegend rum.

Das Thema ÖPNV ist für mich das frustrierenste Thema in der Kommunalpolitik, weil fast alle Mittel nur in den Ausbau von Bahnstrecken gehen und Busanbindungen eher ausgedünnt werden. Bei kleinsten Verbesserungswünschen wird sofort die Kostenkeule geschwungen – bei Bahnen eher nicht. Das Thema Carsharing ist auf dem Dorf immer noch schwierig, weil das Statussymbol Auto einen Carsharing-Nutzer immer noch zu sehr zu einem sozialen Paria macht. Aber das kann sich ja noch ändern. Vielleicht sind da die Schmerzen einfach noch nicht stark genug.

Also: Nach dem Verkehrsgutachten wissen wir genauso viel wie vorher, aber unabhängig bestätigt. Kleine Verbesserungen sind möglich, wenn wir Knöllchen schreiben. Damit wird uns dann sofort unterstellt werden, dass wir abzocken möchten. Tatsächlich können wir froh sein, wenn Kosten und Einnahmen ungefähr aufgehen.

Ich kann einen gewissen Frust in dieser Sache nicht verbergen.

Oswald Prucker

 
 

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